Der Speicher ging zur Neige…

Da mir der Speicher dieses angelegten Blogs zur Neige ging, musste ich einen Neuen erstellen. Mit der Vorstellung meine Blogeinträge nicht mehr mit Bildern bereichern zu können –  merkwürdige Situationen oder atemberaubende Aussichten nicht mehr zeigen zu können – konnte ich mich nicht auseinandersetzen. Denn meine Erlebnisse, Erfahrungen und Geschichten teile und veranschauliche ich gerne mit vielen, vielen Bildern. Daher war es mir wichtig, irgendeine Lösung zu finden, um euch auch weiterhin noch Bilder zu zeigen.

So starte ich mit einem neuen Blog  in die zweite Hälfte meines Abenteuers und hoffe, dass der frische Speicher für die restliche Zeit auch ausreichen wird!

Für mich ist es unglaublich und erstaunlich zugleich, wie schnell die Zeit hier vergeht. Zum Teil kommt es mir auch vor wie in einem Traum, so dass manche Bilder  und Eindrücke durcheinander in meinem Kopf umherschwirren und ich mich selbst fragen muss, ob ich wirklich an diesem Ort war und das selbst erlebt habe. Vieles ist hier für mich sehr eindrucksvoll und geheimnisvoll, dass ich erstmal eine Weile brauche, um selbst alles wahrhaben zu können und zu realisieren. Denn es gibt hier unvorstellbar viel zu entdecken, zu erleben, vor allem auch zu lernen.

Ich bin schon sehr gespannt, welche weiteren neuen Erlebnisse mich in meinem zweiten Halbjahr erwarten und welche weiteren spannenden Reisen ich antrete.

Um weiterhin meine Erlebnisse mitzuverfolgen, einfach auf diesen Link klicken :):

 

https://natalienbolivia2.wordpress.com/

Raus aus der Stadt, ins idyllische Cajamarca

Mal wieder raus aus der Stadt, ohne Handysignal, Verkehr oder vielen Menschen, um in der Ruhe von Cajamarca unterzutauchen. Bei nur wenigen Einwohnern, Häusern verborgen hinter Pinien – und Eucalyptusbäumen, kann man wirklich einmal weg von allem das Dasein und das Hier und Jetzt genießen. Vor allem der Anblick eines Waldes, grüner Wiesen und die Geräusche der Tiere im Wald zu hören, ist im Vergleich zu hektischen Hupen und graue Abgaswolken, die einem schon fast die Sicht versperren, ein Traum.
Schon einmal waren einige Freiwillige und ich in Cajamarca, einem Ort nahe Sucres, um eine lange, anstrengende und nicht ganz ungefährliche Wanderung zu den Inkamalereien zu machen. Bei dieser Wanderung mussten wir uns zuerst auf einen 4000 m Berg hochschleppen, um auf der anderen Seite dann auf der Inkatreppe zu landen, so dass wir von dort steile Berghänge zu den Inkamalereien zu erklimmen konnten. Ich weiß noch wie ich mir während dieser Wanderung oft gewünscht habe, dass es endlich vorbei ist und ich mich einfach nur noch Ausruhen will. Jetzt im Nachhinein natürlich weiß ich auch, für was sich die Anstrengungen gelohnt haben.
Die Sehnsucht noch einmal die Aussicht von dem 4000 m Berg zu haben und sich sagen zu können ‚Wir haben es wieder geschafft!‘, trieb uns noch einmal nach Cajamarca, um von dort loszuwandern.
Daher quetschten wir uns auf gute bolivianische Art zu 9 in einen Landrover, mit samt unserem Gepäck und nutzten jede Sitzmöglichkeit, die sich offenbarte. Für die Bolivianer stellte das wahrscheinlich auch ein recht lustiger Anblick dar: Ein Haufen voller Ausländer in ein Auto gequetscht, die irgendwie zwischen den Rucksäcken oder einer Gaskaraffe nach Freiraum und Luft suchen. 😀 Da würde ich mal behaupten, dass wir alle uns schon recht gut an den bolivianischen Lebensstil angepasst haben. So ging es dann auf nicht ganz bequemer, holpriger und staubiger Fahr mal wieder nach Cajamarca.

Mit schönen Fahrtwind und einem tollen Ausblick von meinem Liegeplatz, habe ich trotzdem die Fahrt genossen und auch einige typische bolivianische Sachen entdeckt:

Ein schönes großes Warnschild, dass eine Strafe von 1000 Bolivianos vorsieht, wenn man die Bäume fällt. Na, wenn da mal nicht einer eigentlich mal schön etwas für den Holzzaun zahlen müsste, der direkt bei dem Schild der Straße entlang gebaut ist. Auch an Plätzen an denen Schilder stehen, die Umweltverschmutzung als ein Verbrechen bezeichen und auch Geldstrafen verlangen, sind immer die größten Müllhaufen zu sehen. An jedem Fluss stehen auch riesen Schilder, die ausdrücklich das Waschen von Kleidung in dem jeweiligen Fluss verbietet. Diese Schilder werden jedoch immer schön als Wäscheleine der Bolivianer genutzt –  irgendwie müssen ja die frisch gewaschenen Kleidungen trocknen!


Eigentlich hatten wir vor uns diesen Tag einfach ein bisschen Auszuruhen, die schöne Atmosphäre zu genießen, um fit für den nächsten Tag und für unsere Mission zu sein. Dennoch ergaben sich die Dinge dann so, dass wir mit Schaufeln, Spitzhacken und einem anderen komischen Gerät auf Wiesen umherliefen, und kleine Pinienbäume einpflanzten. Cajamarca ist ein Ort, der sich früher ohne Vegetation über die kahlen Berge hinweggezogen hat. Dank eines Projektes wurden Stück für Stück mehr Bäume, Sträucher und Wiesen angepflanzt, um das trostlose Gebiet in jetzt eine der vegetationsreichsten und idyllischsten Orten nahe Sucres zu verwandeln. Uns wurde am ‚Anreise-Tag‘ das Angebot gestellt, 75 Bäume zu pflanzen, um kostenlos dort übernachten zu können. Noch mit dem schönen Traumgedanken einfach nur auf einer Wiese zu liegen und nichts zu tun, machten wir uns sofort mit mehr oder weniger Motivation mit den kleinen Bäumen und den Werkzeugen ab in den Wald. Anfangs erschien es endlos und anstrengend und ich fragte mich schon, wieso wir so blöd waren und da zugesagt haben: Immer wieder aufs Neue mit der Spitzhacke in den durchwachsenen Boden zu schlagen, um ein passendes Loch für das Bäumchen herauszuheben.
Aber nach einer Zeit, wenn man seinen ‚Schlagrhythmus‘ gefunden hat, und sich vielleicht auch etwas in der Erde vorgestellt hat, auf dass man ständig einschlägt, ging es eigentlich recht schnell und machte sogar richtig Spaß. Auch die Vorfreude auf selbstgemachte Pizza im Holzofen, den wir schon rechtzeitig angezündet und vorgeheizt hatten, trieb uns voran. Natürlich dann auch der Gedanke, dass wir für die Übernachtung nichts zahlen müssen. Mit dem Gefühl mal ein bisschen Sport für die Arme gemacht zu haben, beendeten wir am frühen Abend unsere Baumpflanzaktion und können zudem stolz sagen, dass wir einen kleinen Teil zu diesem Projekt beigetragen haben. Vielleicht war es ja auch nicht das letzte Mal.

So unerwartet wie diese Aktion war, durchkreuzte dann noch überraschender Weise etwas nichts Vorrausahnendes unseren Plan: Denn mit dem Gedanken, nur eine Nacht dort zu verbleiben, hatten wir uns wohl auch geirrt. Aufgrund von politischen Wahlen wurde am Sonntag den ganzen Tag über bis spät in die Nacht der Verkehr stillgelegt. Das hieß: Für uns bestand keine Möglichkeit am Sonntagabend wieder nach Sucres zurückzukehren. Außer natürlich zu laufen. Aber nach unserer vorgenommen Wanderung hätten wir sehr wahrscheinlich keine Lust und Kraft mehr, den kompletten Weg nach Sucres zurückzulaufen. An die ‚Bloqueo-Situation‘ des Wochenendausfluges mit den Jugendlichen erinnert, mussten wir es wohl oder übel hinnehmen und die Essensvorräte gut und sparsam auf die Tage aufteilen. 😀
Im Nachhinein ist auch wieder diese Situation recht witzig, da es mal wieder so typisch für Bolivien ist. Da ist es kein Wunder dass die Bolivianer ihren Lebensstil auf reiner Spontanität und Improvisation aufbauen, denn oft bleibt einem gar nichts anderes übrig. Und so dachten wir uns auch dass das schon alles irgendwie wird und ruhten uns für die kommende Wanderung am Morgen aus.
Mit der Hoffnung, dass sich alle ein bisschen an einen Teil des Weges erinnern, machten wir uns früh morgens auf gut Glück los. Mehr oder Weniger ging auch unser Plan bzw. Gedankengang auf, und schon bald befanden wir uns nach kleinen Umwegen auf dem alten bekannten Weg. Auch wurden wir schnell wieder daran erinnert, wie anstrengend der Weg war. Aber diesmal wussten wir, was uns erwartet und wofür es sich lohnt.

So kämpften wir uns mit Vorfreude durch Bäume, über Gestrüpp und Steine hindurch und entdeckten immer mal wieder alte verborgene Bauten.

Außerdem konnten wir uns auch diesmal unsere Pausen selbst einteilen und die schon atemberaubende Aussicht auf dem Weg nach Oben wie wir es wollten genießen.


Recht schnell erreichten wir dann den ‚härtesten Teil‘ des Weges: Der ‚Aufstieg‘ auf den Berg. Allein schon der Anblick der kahlen, grauen und scheinbar unüberwindbaren Felsplatten die an den Seiten quer aus der Erde emporragen, deuteten den härtesten und anstrengensden Teil an. Das Beste ist dabei einfach nur auf den Boden zu gucken und nicht nach oben, um nicht zu sehen wie viel man noch vor sich hat und wie steil es ist. Abgesehen davon ist es aber auch echt mal wieder toll, seine Muskeln unter der Anstrengung zu spüren, und wie sich der Brustkorb gleichmäßig hebt und senkt, um die frische Luft auf 4000m Höhe einzuziehen.

 


Immer mal wieder den Blick für ein paar Sekunden nach vorne gerichtet, mit der Hoffnung, dass nicht mehr allzu viel fehlt, schleppten wir uns den Berg hinauf. Und dann: Der unglaubliche Ausblick auf die Bergketten, die endlos erscheinen und sich über alles hinwegsetzen. Eine Bergkette reiht sich nach der anderen an, mit unterschiedlichen Steinformationen und Farben. Es kam mir vor, als ob ich auf ein Gemälde blicke, da es so atemberaubend ist und irgendwie unwirklich erscheint. Kahle graue Felswände, die in die Höhe ragen, im Kontrast zu Bergen mit rötlicher Erde oder grün bewachsenen erghängen, mit verschiedenen Mustern oder Aushölungen. Vereinzelte Bäume, wie kleine Inseln und verstreute Häuser, die so klein erscheinen, blitzen immer mal wieder auf. Ewig verblieben wir oben, auf einem Felsen sitzend mit Blick auf einfach Alles. Eine Minute bestand wie aus kleinen Momentaufnahmen, da Nebelschwaden oder Wolken immer wieder den Ausblick erweiterten, Neues offenbarten oder schon Gesehenes wieder verdeckten. Als dann auch noch vereinzelte Sonnenstrahlen Schatten der Wolken auf die Bergketten warfen, verstärkte sich dieser Eindruck. So muss man die Natur im Ganzen wahrnehmen, lauschen und beobachten, was sie einem zeigt und nur für diesen Moment offenbart.

IMG_5354
Für mich war wieder eines der beeindruckensten Dinge die Kontraste in der Natur. Nicht nur die Kontraste in der Ferne der Bergketten, die grauen und kalt wirkenden Felsplatten zu den rötlichen oder bewachsenen Bergen, auf denen Leben herrscht. Sondern auch direkt an einem Sitzplatz, konnte ich sie wahrnehmen: graue, kalte Felsplatten zwischen denen immer mal wieder kleine, zarte und farbenfrohe Blümchen hervorsprießen. Oder von grünen Sträuchern und Gras umgeben, und und im nächsten Moment dann wieder alleine in der Natur stehen.

Zwei Stunden verbrachten wir die Zeit mit Ausblick in die Ferne dort oben, bis wir uns widerwillig an den Abstieg machten.
Der Rückweg spielte leider in unserem Plan nicht ganz soo mit, da unsere Erinnerung an ihn scheinbar falsch abgespeichert war. Auf kompletten Umwegen, durch noch mehr Bäume oder Dornenbüsche hinweg und nach zahlreichem Rätseln, wo zum Teufel wir gerade sind, trudelten wir alle irgendwann mal wieder in Cajamarca ein.

IMG_5422

Wie wir bereits wussten, gab es keine Möglichkeit noch am gleichen Tag wieder nach Sucre zurückzukehren. So nutzen wir noch einmal die schöne Lage und Atmosphäre aus, machten ein Lagerfeuer und schauten in den schwarzen Himmel, der die Sterne ohne Lichtverschmutzung so klar und hell erleuchten ließ.

_________________________________________________________________

Zur damaligen politischen Lage und den Hintergrund dieser Situation, ist hier noch ein kleiner geschriebener Artikel von mir, der einen Einblick in die politische Lade gibt:

 

Ein „NO“ zu Evos Zukunftsplänen

Es  ist nicht zu übersehen, dass auch Wahlen in Bolivien stattgefunden haben. An jeder Hauswand oder Straßenecke sehe ich ein ‚Si‘ oder in großen Buchstaben den Namen des Präsidenten: Evo Morales. Sogar auf Straßen, die in die abgelegensten Dörfern führen, werden zahlreiche Steine am Straßenrand für Propagandazwecke bemalt. Da ist es fraglich, inwiefern diese bemalten Steine die Menschen bei ihrer Entscheidung beeinflussen können.

Der erste indigene Präsident Boliviens Evo Morales  ist seit 2006 tätig und veranlasste Wahlen, um die Verfassung für eine Verlängerung seiner Amtszeit zu ändern. Schon einmal setzte er sich 2009 über die Obergrenze der zwei Amtszeiten von fünf Jahren hinweg, so dass er dieser erneut hoffnungsvoll bis 2025 verlängern wollte. Als Volksheld und Hoffnungsträger gefeiert, ließ diese anfängliche Begeisterung von Jahr zu Jahr nach und die Meinungen der Bevölkerung spalteten sich auf. Noch von der indigenen Bevölkerung der ländlichen Gegend trifft er auf Zustimmung und wird als Fürsprecher der Interessen angesehen. Während vereinzelte Gruppen dieser Bevölkerungsschicht durch Anschluss an Politik und Wirtschaft profitieren und dabei sogar ohne Schulabschluss auf einmal die höchsten politischen Positionen an seiner Seite besetzen, erhält die Mittelschicht nur recht wenig von diesem Aufschwung und Profit. Ganz im Gegenteil: Sie müssen mit Einschränkungen und Forderungen der Regierung leben und beispielsweise der Mitgliedschaft seiner Partei (MAS) beitreten, um überhaupt Berufsaussichten zu haben oder sie beizubehalten. Dabei spielt es keine Rolle welche Position, ob ‚Si‘ oder ‚No‘,  sie für Evo vertreten. Ganz gleich sind sie gezwungen Propaganda und Kampagnen seiner Partei durchzuführen und sie in der Öffentlichkeit zu präsentieren. So erblickte ich in den vergangenen Wochen an jeder Straßenecke recht unmotivierte Menschenmassen, die im ‚Evo-Outfit‘ bekleidet und mit ‚Si‘-Schildern Propaganda für die kommenden Wahlen machten. Auch Vorkehrungen wie ein Alkoholverbot wurde schon eine Woche vor den Wahlen umgesetzt. Am erwarteten Sonntag kehrte Stille und Ruhe im Stadtzentrum ein, da die Partei mit einem Fahrverbot und Straßenschließungen sicherstellten, dass auch wirklich jeder seiner Pflicht zu Wählen nachgeht. Wahltag in Bolivien bedeutet, dass jeder gezwungen ist zu wählen und dieses mit einer Wahlbestätigung vorweisen muss, um weiterhin ungestört und ohne Einschränkungen sein en Alltag fortsetzen zu können. Des Weiteren bedeutet es, dass alles stillgelegt wird, ob Verkehr oder Handel, so dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als wählen zu gehen.

Momentan sorgen gespaltene Meinungen für Spannungen: Seine Vertreter sehen ihn als die erste Person an, die etwas gegen die Diskriminierung und zum Teil Unterdrückung der indigenen Bevölkerung unternommen hat. Seine Gegner jedoch sehen ihn als der erste Präsident an, der selbst Diskriminierung gegen die städtische Bevölkerung ausübt. Diese Meinung und diese teilweise verbreitete Abneigung drückten sie mit einem klaren ‚NO‘ in dem Referendum aus. Ein demonstrativer Ausdruck für demokratische Reife innerhalb der Bevölkerung, so wie Offenheit für eine neue politische Form. Auch wenn Evos Ziel gescheitert ist und das Ende seiner Amtszeit 2020 absehbar ist, regiert er einerseits unter Zustimmung und andererseits mit fehlendem Prestige und unter Abneigung die kommenden Jahre weiter.

Karneval auf bolivianische Art

So wie auch in Deutschland der Karneval schwer gefeiert wurde und sich vielleicht noch jetzt einige von Festen erholen, endete vor zwei Wochen auch in Bolivien der Karneval. Gewöhnt bin ich auf Umzügen zu gehen, in mehr oder weniger gruselige Masken zu blicken und mit Konfetti und Stroh in den Haaren wieder nach Hause zu kommen, um mich noch für das Feiern in überfüllten und stickigen Zelten auszuruhen.

In Bolivien wurde mir jedoch eine andere Art des Feierns hautnah demonstriert: Anstatt mit Konfetti in den Haaren bin ich jeden Tag mit durchnächster Kleidung in meinem Haus angekommen. Schon vor Beginn des Karnevals wurde mir erzählt, dass dieser mit viel Wasser gefeiert wird und jeder mit Wasserbomben bewaffnet durch die Straßen läuft. In jeder Tienda konnte man Wasserbomben, Schaum oder zahlreiche unterschiedliche Arten von Wasserpistolen kaufen. Allein schon dieser Anblick verriet die bolivianische Art Karneval zu feiern. Dennoch hatte ich mir diese Zeit nicht in einem so großen Ausmaß vorgestellt.

An jeder Ecke, auf jeder Terrasse, in jedem Auto oder hinter jedem Fenster warteten nicht nur Kinder, sondern auch Cholitas eifrig darauf, alle Vorbeilaufende mit Wasserbomben abzuwerfen. Sie lauerten schon fast so wie Tiere auf ihre Beute, mit hunderten vorbereiteten Wasserbomben und mindestens zwei in der Hand, bis sie mit einem geübten Wurf alle Menschen als Zielscheibe nutzten. Täglich konnte ich das Haus nicht ohne Angst verlassen, sofort eine Wasserbombe an den Kopf zu bekommen. Wenn ich dies jedoch trotz ‚nasser Vorstellung‘ trocken überstanden hatte, ich nichts ahnend auf der Straße entlang lief, zerplatzte schon die erste Wasserbombe aus einem Auto an meinem Kopf und riss mich aus meinen Gedanken zurück. Camións (Transporter/ offene Lkws) beladen mit Menschen und tausend vorbereiteten Wasserbomben fuhren durch die Straßen, sowohl in dem Zentrum als auch in den Barrios und warfen jeden und alles ab. Sobald jemand solch einen Camión gesichtet hatte, hörte man den Schrei ‚AGUA‘ und dann hieß es, sich so schnell wie möglich hinter irgendetwas zu schützen, um den ‚Geschossen‘ auszuweichen.
Nach diesen ganzen Wasserattacken, kaufte ich so schnell wie möglich selbst zahlreiche Wasserbomben und vetrieb mir die Zeit erstmal eine Weile damit, sie zu füllen. So viele Wasserbomben habe und werde ich glaube auch nie wieder in meinem Leben füllen. Über 300 Wasserbomben bereitete ich mit meiner Gastfamilie vor, um sie von der Terrasse aus abzuwerfen. Nicht lange dauerte es, bis ein ‚Wasserkrieg‘ mit dem gegenüberliegendem Haus entstand: Die bunten Wasserbomben flogen von einer Terrasse über die Straße zur anderen hinüber. Köpfe tauchten abwechselnd hinter dem Geländer wieder auf, um die jeweilige Terrasse zu verteidigen und wieder aufs Neue die prall gefüllten Wasserbomben abzufeuern.
Das Highlight des Karnevals jedoch war für mich, selbst  eine Fahrt im Camión, von dem wir wie die anderen ‚Schrecken- und Wasserverbreiter‘ mit Wasserbomben bewaffnet durch die Straßen zogen. So war die Spannung und Vorfreude schon sehr groß. Vor allem beim Anblick unserer 400 vorbereiteten Wasserbomben, die wir in Rekordzeit gefüllt haben.

IMG_5041

Der ganze Camion war voller Menschen und natürlich voller Wasserbomben. Und dann ging die Fahrt los: Am Rand stehend und einfach auf alles und jeden werfen, der sich auf der Straße befand. Im Voraus bin ich mit der Vorstellung eingestiegen, dass wir diejenigen sein werden, die alle nass machen. Da hatte ich mich jedoch geirrt: Im Camión waren wir nämlich auch die perfekte Zielscheibe für diejenigen, die sich wie ich auf der Terrasse ordentlich vorbereitet haben. Vor allem als wir an einer roten Ampel standen, kamen von allen Seiten die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen herbeigeeilt, um uns eine wasserreiche Lektion zu erteilen. Schnell wurde mir bewusst, dass wir in dem Camión nicht die ‚Könige der Wasserschlacht‘ sind und überhaupt nichts abbekommen. Vor allem als wir in die Avenida de las Americas einfuhren: Stockender Verkehr und gefühlt alle Einwohner Sucres versammelten sich dort, um der Tradition der Wasserschlacht nachzukommnen. Von allen Seiten kamen bunte, prall gefüllte Bomben angeflogen, so schnell konnte keiner gucken und schon stand er im Mittelpunkt als Zielscheibe. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich mich nur noch hinter den Brettern des Camións versteckt, und hörte wie die Wasserbomben dagegen hämmerten. Sehr unpraktisch war es dann auch, als uns auf einmal unsere Monition auf dem Camión zu Neige ging. Das bedeutete, dass wir nur noch eine perfekte Zielscheibe für jeden darstellten, ob für die Menschen auf der Straße oder von der Terrasse. Nicht sehr angenehm war es für uns dann auch, als unser Fahrer meinte nochmals die Straße entlang zu fahren.  Denn er hatte nicht mitbekommen, dass wir gar nichts mehr zum Abwerfen hatten, und ging davon aus, dass wir mit Freude und Spaß noch dabei sind.  Juhu.. Während dieser Fahrt versteckte ich mich die ganze Zeit teils vergeblich hinter den Brettern. Irgendwie fand trotzdem immer dass Wasser den Weg zu mir. So vernahm ich einen ‚Knall‘ an einem Kopf und dann das eisige Wasser. Bibbernd vor Kälte verfluchten wir alle die scheinbar endlos lange Straße und das viele Wasser. Denn abends um 18 Uhr, bei sinkender Sonne und den Bergen, die Sucre einkesseln, kühlt es sich extrem schnell ab. Den Schreien der anderen Freiwilligen, die ständig brüllten ‚Das gleicht wie einem Krieg‘, konnte ich nur zustimmen. Es war mehr wie nur eine einfache Wasserschlacht. Allein schon die Tatsache, dass sich dieses Spektakel über mehrere Tage hinweggezogen hat und in dieser Zeit jeder ein Feind von jedem war.

IMG-20160207-WA0024
Für mich eine neue, sehr interessante und vor allem lustige Art den Karneval zu feiern. Dennoch war ich froh, als ich das Haus wieder ohne Angst vor Wasser verlassen konnte, und mich nicht täglich mehrmals umziehen muss. Des Weiteren war froh, da es eine unglaubliche Wasserverschwendung ist. Es schien als ob Bolivien das wasserreichste Land der ganzen Erde wäre, und die Leute sich nicht kümmern oder sorgen müssten, wie viel Liter Wasser sie in einer Stunde verbrauchen. Ein krasser Gegensatz zu den Zeiten, in denen es hier oft kein Wasser gibt – weder fürs Kochen noch für das Waschen.
Neben der Wasserschlacht gab es auch vereinzelte Umzüge, jedoch nicht so verbreitet wie in meiner Region. Des Weiteren auch nicht mit Hexenmasken oder anderen angsteinflößenden Kostümen. Vielmehr bestand ein Umzug hier aus Musikgruppen, die versuchten sich gegenseitig mit ihren Panflöten, Trommeln und Trompeten zu übertönen. Diese Gruppen zogen entweder in einem Umzug durch die Straßen, oder wählten die ganze Nacht durch ihre eigene Route im Zentrum bis hin zu den Barrios. Diese verschiedenen Gruppen konnte man sich entweder anschließen, um mit ihnen zu feiern, oder jede einfach vom Straßenrand zuhören und zuschauen. Anders wie ich es kenne, haben in diesem Fall nicht die Musikgruppen Wasserbomben an die Außenstehenden ausgeteilt. Sondern die Zuschauer bewarfen sie ohne Rücksicht auf die Instrumente immer wieder aufs Neue.

Was auch interessant für mich ist, dass nur recht wenige Bolivianer verkleidet das Haus verlassen haben. Während ich sonst zahlreiche verschiedene und immer wieder neue Kostüme erblicken kann, zählt hier eine Clownsnase oder ein Smiley auf der Backe als Verkleidung. Außerdem verharren sich viele Bolivianer in ihren Autos und verbleiben dort, um die Musikgruppen aus dem Auto zu sehen. Immer mal wieder wird dann schnell das Fenster heruntergekurbelt, um nichts ahnende Personen schön nass zu machen und sich dann wieder schnell im Auto zu schützen. Für mich eine ziemliche ‚dreiste‘ oder freche Art. Denn immerhin gehört es zur Tradition, an der jeder mitmachen sollte, und nicht nur die eine Seite, die trockene, erleben sollte. Zur bolivianischen Tradition des Karnevals gehört es scheinbar auch, ordentlich etwas zu Trinken. Besonders ‚Leche de Tigre‘ gilt hier als das Karnevalsgetränk schlechthin. Aber dieser Gebrauch des übertriebenen Alkoholkonsums herrscht glaube ich bei jedem Karneval in jedem Land.

Leider war es mir nicht möglich viele Bilder dieses Wasserspektakels zu machen, da ich ständig Angst um meine Kamera oder um mein Handy hatte. Ich konnte nie wissen, in welchem Moment und von wo wieder die nächste Wasserbombe angeflogen kam.
Mal schauen, ob ich an der nächsten Fastnacht in Deutschland diese Art mit den Wasserbomben beibehalten und wie viel Ärger ich mir damit einfange.. 😀

Unerwartetes verlängertes Wochenendende in Tomina

Vergangenes Wochenende ging es mit den Jugendlichen aus dem Winay und Bartolina auf ein Wochenendausflug nach Tomina, ein kleines Dorf nahe Sucre.
In einem Camion, einem Lastwagen quetschten sich die 35 Jugendlichen und die Freiwilligen hinein. Es schien, dass eher seltener Menschen mit diesem offenen Lastwagen fahren, da wir stetig von einem Schafsgeruch begleitet waren. Das hat die Fahrt natürlich nochmal angenehmer gemacht.. 😀 Wie lange könnte man sich so auf deutschen Straßen aushalten, bis man von der Polizei angehalten wird und die Situation verzweifelt erklären muss? In Bolivien dagegen wird alles ziemlich locker gesehen, so dann einen sogar die Polizei freundlich begrüßt und eine gute Fahrt wünscht.

Mit dem Schafsgeruch begleitet und auf engen Raum holperten wir über die zum Teil nicht ausgebauten Wege. Ganz interessant auf der Fahrt zu sehen, ist, wie die Bolivianer ihre Straßen bauen: Mal einen Teil asphaltiert, dann wieder einen Teil so, wie bei uns die Waldwege sind und einem der Staub jegliche Sicht versperrt und die Atmung erschwert.

 

Sehr oft verstehe ich die Hintergründe nicht gerade, aber das ist eben Bolivien.  Woher kommen sie und wo wollen sie hin?? Kinder spielen am Straßenrand, wo weit und breit nichts ist oder schwerbepackte Cholitas laufen einen endlos einsamen Weg entlang. Auch wenn in Kilometerabständen immer mal wieder mitten im Nirgendwo Häuser zwischen den Büschen aufblitzen, frage ich mich jedes Mal wieder aufs Neue: Woher kommen sie und wo wollen sie hin? Oder wieso spielen die Kinder ausgerechnet an einem Straßenrand, wo nebendran die schönste Landschaft ist? Wie schon gesagt, oft verstehe ich die Hintergründe bolivianisches Handelns nicht. 😀

 

Eigentlich wurde uns gesagt, dass wir nur drei Stunden in dieses Dorf fahren würden. Nach letztendlichen 5 Stunden unbequemer Fahrt in dem Camión, erreichten wir endlich Tomina. Wenigstens hatten wir so ausreichend Zeit, die schöne Landschaft mitzuverfolgen. Denn je weiter man die Stadt Sucre verlässt, desto mehr Vegetation und deren Vielfalt ziehen sich über die Berge hinweg.


Die Gastmutter meines Arbeitskollegen Joshua, hat uns ihr Haus als Unterkunft zur Verfügung gestellt. Mit der Vorstellungen das Wochenende über in einem richtigen Haus zu Wohnen, mit ausreichend Platz und einer Küche, in der man schön gemeinsam für alle kochen kann, habe ich mich mal wieder sehr vertan. Was uns erwartete war ein kleines Zimmer für die Frauen und ein kleines Zimmer für die Männer. Die sogenannte Küche bestand aus einem Herd in einem kleinen Raum, der einer Abstellkammer ähnelte. Ganz interessant war auch die Bauweise von diesem Haus: Die Eingangstür führt ohne Umwege in das erste Schlafzimmer, dann befindet man sich in der ‚Küche‘, die offen zu einem kleinem Hof liegt, in dem man in Begleitung mit Hühnern das Gekochte essen kann. Noch mehr in die Länge zieht sich ein weiterer Hof hin, bei dem wir zunächst in die großen Augen einer mampfenden Kuh guckt. An Feigen- und Granatapfelbäumen vorbei, das einzige Tolle an diesem Hau, konnten dann auch mal endlich die Jungs ihr Zimmer betreten. Die waren natürlich mit geringerer Anzahl im Vorteil und hatten im Vergleich zu den Mädels genügend Platz für alle. Bei 19 Mädels in einem kleinen Raum, ging schnell der Platz aus und so musste ich mir meinen natürlich sehr komfortablen Schlafraum in der ‚Küche‘ genehmigen. Abgesehen von diesem anfänglichen leichtem ‚Schock‘ und schon dem Wissen, dass die Nacht auf dem Steinboden Horror wird, war das Dorf und die Umgebung ganz schön. Direkt in der Nähe befindet sich ein toller Fluss mit einer schönen Landschaft, die wir im strahlenden Sonnenschein genossen.

Der Anblick der vielen grünen Wiesen, Blumen und Bäume besserten meine Laune schon gleich einmal auf. Denn so viel Vegetation hatte ich schon lange nicht mehr gesehen.

Des Weiteren hat diese vielfältige Landschaft hat perfekt für ein kleines Kunstprojekt mit den Jugendlichen gepasst: Landart, eine Kunstströmung, die ausschließlich nur mit den Vorkommnissen der Natur gestaltet wird. Mit mehr oder weniger Motivation machten sich die Jugendlichen auf, suchten sich Plätze für ihre Gestaltungsideen und fingen an, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Nach einer Stunde ‚Arbeitszeit‘ gingen wir von Gruppe zur Gruppe und bewunderten die verschiedenen Ideen. Dabei ist nicht zu übersehen, dass sie sich nicht nur von der Natur, sondern auch von dem vorkommenden Müll inspiriert haben lassen, indem sie diesen für ihre Ideen mitbenutzten. Das entspricht natürlich nicht der eigentlichen Umsetzung von Land Art, aber der von Bolivien wohl schon. Denn so traurig wie es ist, gehört der Müll in Bolivien eigentlich zur Natur: An noch so schönen und abgelegenen Orten, finde ich immer, wirklich immer Müll. Ganze Berghänge bestehen zum Teil nur aus Müll, so dass man die Pflanzen, Sträucher oder gar den Boden nicht mehr erblicken kann. Die Landschaft kann noch so schön sein, der Müll verleiht ihm in meinen Augen immer etwas Hässliches und es schmerzt solch eine Umweltverschmutzung zu sehen. Zum Glück entwickelten jedoch auch schon einige Jugendliche eine tieferen Sinn für ihre Umwelt, und kreierten in dieser Einheit eine ‚Höhle des Grauen‘, der die Umweltverschmutzung reflektieren sollte.


Daneben kreeirten andere einen Vulkan, verschiedene Bilder mit Nachrichten oder Figuren in die Natur und verewigten sich somit zum Teil.

Ich war ehrlich gesagt sehr überrascht, dass sie alle wirklich eine Stunde länger intensiv, mit Freude und Interesse daran gearbeitet haben.

Nach dieser erfolgreichen kreativen Einheit hatten die jugendlichen genügend Zeit sich auszuführen und am Fluss das tolle Wetter zu genießen. Mir persönlich war jedoch die ‚braune Brühe‘ ein bisschen zu dreckig um zu baden, deshalb fing ich schon mal an inmitten von Hühnern und in stetiger Beobachtung einer Kuh das Essen vorzubereiten. Was mir dann wieder einmal bestätigt bzw. auch demonstriert wurde, ist, dass die Bolivianer beim Essen einen leichten Perfektionismus an den Tag legen. Auch wenn die bolivianische Küche nicht gerade sehr anspruchsvoll und abwechslungsreich ist, muss das was es gibt, in ihren Augen immer gleich und ‚perfekt‘ sein. So musste ich mir nach den Vorbereitungen erstmal eine Kritik anhören, dass ich die Zwiebeln und die Karotten für die ‚sopa de mani‘ falsch geschnitten hätte. Es ging sogar soweit, dass sie dann alles nochmal neu schneiden wollten, weil es ja sonst nicht stimmt und nicht passt. Nachdem ich jedoch mehrmals gesagt habe, dass der Geschmack trotzdem gleich ist, egal wie man es geschnitten hat, fanden sie sich damit ab und fast keiner der anderen hatte es gemerkt. Manchmal ist das Verhalten noch sehr sehr merkwürdig für mich.. 😀

Um den Tag schön abzuschließen, bereiteten wir ein großes Lagerfeuer vor und vertrieben und den Abend mit verschieden Spielen. Und ich freute mich natürlich schon besonders, auf die tolle Nacht auf dem Küchenboden..

Foto de Andréann Lahaie
Mit weiteren Spielen, gemeinsames Kochen, sofern dies auf beengten Raum möglich war, und weiteren kreativen und zum Teil philosophischen Einheiten, verbrachten wir den nächsten Tag. Des Weiteren waren unsere Pläne das Wochenende mit einer Talentnacht abzuschließen, in der jeder eine seiner Fähigkeiten oder Künste den anderen präsentieren kann.

Denn an diesem Morgen hatte sich eigentlich schon jeder darauf eingestellt, dass wir packen und am Sonntagmorgen früh wieder zurück nach Sucre fahren. Dies war auch notwendig, da am Montag die Sommerferien in Bolivien endeten und somit die Freude bei allen dementsprechend groß war, wieder in die Schule gehen zu müssen.
Keiner hätte damit gerechnet gedacht, dass wir noch einen Tag in dem kleinen Dorf festsetzen, da Straßenblockaden der Bevölkerung uns den Weg versperrten..
Es scheint, dass die Menschen hier immer ‚ihr Ding‘ machen und es auch zeigen, wenn ihnen politisch etwas nicht passt. So lassen sie sich irgendetwas einfallen, um es zu demonstrieren: In diesem Fall mithilfe von Straßenblockaden.

Schon öfters habe ich dies auch im Zentrum gesehen, dass die Menschen die Straßen mit Ästen oder Dornenbüschen versperren, sich mit Steinen bewaffnet daneben stellen, falls es jemand wagt die Blockaden zu überqueren.

Noch nie jedoch habe ich dies Art der Demonstration in solch einem Umfang erlebt: Alle Wege nach Sucre oder aus Sucre raus nach la Paz, Santa Cruz – in einfach alle großen Städte – waren versperrt und sie gewährten keinem den Durchgang. Dies wäre in Deutschland niemals möglich, da es viel zu viele Wege in Großstädte oder gar Dörfer gibt. In Bolivien jedoch ist die Infrastruktur nicht sehr ausgeprägt. Daher gibt es nur jeweils eine große, einigermaßen befahrbare Straße in jede Großstadt oder Dorf. So ist es natürlich recht einfach für die Bevölkerung, ihre Straßenblockaden aufzubauen und auch über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Nach stundenlangem Diskutieren, wie wir alles organisieren und was genau wir machen, verblieben wir noch einen Tag länger in Tomani, in der Hoffnung, dass sich die Situation ein bisschen auflöst. Am nächsten Tag versuchten wir unser Glück, trotz den Meldungen, dass sich die Blockaden verschlimmerten und von Tag zu Tag größer und massiver werden. Mit dem Wissen, dass wir wahrscheinlich die Blockaden von 7 Kilometer zu Fuß überqueren müssen, machten wir uns mehr oder weniger motiviert auf den Weg. Natürlich kam es so, wie wir es schon befürchteten: Straßenblockaden, bei denen die Menschen noch nicht mal im Ansatz daran dachten, irgendjemanden durchzulassen. Mit querstehenden Lastwaagen, Transportern oder Anhänger blieb jedem nichts anderes übrig, als diesen Teil zu durchlaufen. Um dieses Fußmarsch auch noch zu erschweren, wurden in regelmäßigen Abständen Dornenbüsche auf die Straßen verteilt. Mit Anlauf und einem guten Sprung, war dies jedoch kein Problem. Zum Glück blieben wir von dem Regen verschont, so dann wir mit mit all unserem Gepäck, mit Riesentöpfen, einem tragbaren Herd uvm., den abgesperrten Teil einigermaßen gut und recht schnell überqueren konnten.  Schon von weitem erblickten wir freudig das Ende der Blockaden, da sich die Autos, Lastwagen stauten und die Menschen auch für eine Wanderung aufbrachen. Zum Teil erschöpft aber auch freudig stiegen wir in den nächsten Bus, der uns ohne Umwege nach Sucre beförderte.

Foto de Andréann Lahaie

Im Nachhinein ist diese Situation eigentlich recht witzig, da ich so etwas noch nie zuvor erlebt habe. Des Weiteren musste ich auch darüber nachdenken, wie so etwas in Deutschland aussehen würde und was es für Konsequenzen hätte. Hier machen die leute das was sie wollen, ohne sich von irgendjemand etwas sagen zu lassen. Eine sehr eindrucksvolle Art, ein starker Widerstand mit starkem Durchsetzungsvermögen der Bevölkerung. In diesem Fall jedoch war ich nicht sehr begeistert von diesem beeindruckenden und hartnäckigen Wille. Denn so offensichtlich wie es war, hat die Zeit des Karnevals in Bolivien angefangen: Schon die ersten Wasserbomben flogen durch die Luft und die Kinder erblickte ich nur noch mit Wasserspritzpistolen gerüstet. Meine Pläne für Karneval waren eigentlich, nach Oruro zu reisen, da dort der größte und eindrucksvolle Karnval, mit einer Vielfalt an Tänzen, Kostümen und Musik stattfindet. Aufgrund der Blockaden jedoch, verschwand meine Hoffnung und Chance von Tag zu Tag mehr. Über eine Woche hielten sie die Straßenblockaden aufrecht. Außerdem war es jetzt ungewiss, wie lange und wie viele Teile man zu Fuß durchqueren hat, da sie diese vergrößert und weiter ausgebaut hatten. Mit der Ungewissheit, ob ich dann überhaupt in Oruro ankommen würde oder auf irgendeiner Straße festsitzen würde, stelle ich mich auch den schon vorhergesagt ‚Wasserkrieg‘ des Karnevals in Sucre ein..

Bis gestern haben die Wasserschlachten angedauert und schon heute müssen sie alle Reste der Wasserbomben, die alle Straßen Sucres bunt darstellen, wieder beseitigen, so dass wieder Ruhe im Zentrum einkehrt.
Wie genau der Karneval in Bolivien bzw. in Sucres gefeiert wird, stelle ich im nächsten Eintrag dar. Was ich schon einmal sagen kann ist, dass viel viel Wasser genutzt wird..

 

 

Lago Titicaca y la Isla del Sol

Nach 12stündiger Busfahrt nach la Paz ging es gleich im Anschluss mit einem weiteren Bus nach Copacabana, eine Stadt die am berühmten Titicacasee liegt. Schon im Voraus wurde in meiner Gastfamilie von diesem Ort geschwärmt, da der Titicacasee wohl einem Meer mit Strand und dazu mit dem passenden Klima gleicht.

Schon auf der Fahrt sah ich die blauen Weiten des Sees zwischen den Bergen aufblitzen, wodurch die Vorfreude und Spannung noch mehr stieg.
Besonders bei einem Zwischenstopp, als wir einen Teil des Sees mit einer Fähre überqueren mussten: So wie sich die Sonne im Wasser spiegelte, ich dem Geräusch des Wassers lauschen konnte, Möwen am Ufer sitzend oder in der Sonne durch den Himmel fliegen sah, als mir der Benzingeruch des Motorbootes in die Nase stieg und wir über das Wasser fuhren. Bei diesen ‚bekannten‘ Motiven und Eindrücken kam schnell das Gefühl von Urlaub am Mittelmeer auf.

Auf der ‚Fähre‘ hatten wir stetig unseren Bus im Blick, der scheinbar nicht sehr gesichert schräg auf einer anderen, die einem Floß glich, über diesen Seeteil befördert wurde. Entgegen unserer Horrorvorstellung dass der Bus mit Samt unseren Sachen gleich in den Tiefen des Sees verschwindet, setzten wir unserer Reise wohlgestimmt und schon im leichten Urlaubsmodus fort.

IMG_4012

 

Nach insgesamt 4 Stunden Busfahrt, auf der wir schon zahlreiche Blicke auf den See und die schöne Berglandschaft werfen konnten, erreichten wir endlich unser Ziel: Copacabana.
Nach der Hostelsuche konnte ich es kaum erwarten, endlich am ‚Strand‘ zu sein und das angebliche Meer in voller Größe zu sehen.
So wie es sich für einen Touri – bzw. Urlaubsort gehört, bestanden die Straßen zum See aus kleinen süßen Ständen, in denen man die typisch bolivianischen Alpacapullover, Ponchos, Rucksäcke oder andere tolle Accessoires kaufen kann. Bei diesem Anblick wusste ich schon gleich, dass ich mir selbst mal wieder vieel zu viele ‚Mitbringsel‘ kaufe 😀


An zahlreichen ‚Artesaniaständen‘ und Restaurants vorbei, erreichten wir endlich das Seeufer. Und tatsächlich entstand schon beim ersten vollen Anblick das Gefühl am Meer und Strand zu sein: das glitzernde blaue Wasser, welches an manchen Stellen durch die Anden begrenzt wurde, an anderen wiederum ohne Horizont endlos erschien. Zahlreiche Motor- und Tretboote besetzten das Wasser und immer wieder tauchen kleine bewachsene Inseln auf. Spätestens nach unserem Mittagspicknick, in der Sonne mit Wassermelone, Mango und Avocadobrötchen am Strand mit Blick auf das vermeintliche Meer, fühlte ich mich voll und ganz wie im Urlaub.


Noch am gleichen Tag bestiegen wir den ‚Cerro Calvario‘ am östlichen Seeufer, auf dem ein Friedhof erbaut wurde und einen weiten Blick auf den See und die ganze Stadt Copacabanas offenbart.
Unwissend dass es auch Treppenstufen gibt, die hoch führen, suchten wir uns durch Gestrüpp und über Felsen unseren eigenen Weg nach oben.
Auf ca. 3800 Meter, im strahlenden Sonnenschein und einer Hitze, zückten wir schnell unsere Sonnencreme und ich hatte schon Angst um einen neuen Sonnenstich (das kann auf dieser Höhe, mit solch einer intensiven Sonne nämlich recht schnell passieren.)
In dieser Situation musste ich an Deutschland denken, denn wann habe ich mir dort jemals in dieser Zeit Sonnencreme aufgetragen und Angst um einen Sonnenstich gehabt? Normalerweise würde ich um diese Zeit mit einem dicken Pulli, einer Tasse Tee in der Hand und Weihnachtsgebäck vor mir liegend im schönen Warmen sitzen. Bei diesem Gedanken musste ich lachen, da er mir in diesem Moment so absurd vorkam. Denn ich stand ich mit kurzer Hose und Top in der Sonne, genoss den Ausblick auf den Titicacasee und wäre am liebsten sofort in das Wasser reingesprungen, um mich abzukühlen.

Nach dem mühselig gewählten Aufstieg erreichten wir endlich den Gipfel des Berges und hatten Ausblick auf einfach alles, was uns umgibt: Der See, welcher jetzt noch größer erschien, mit noch mehr kleinen, so wie auch großen Inseln, an denen stetig Boote vorbeifuhren.


Da wurde der Name der Stadt Copacabana, der aus dem Aymara ‚quta qawana‘ stammt, mit der Bedeutung ‚Sicht auf den See‘, nachvollziehbar.
Des Weiteren hat dieser Berg sowohl eine religiöse, als auch eine historische Bedeutung:
Im Zentrum des Gipfels steht eine goldene Marienfigur, der zahlreiche Wunder und Heilungen zugeschrieben werden. Des Weiteren stellt der eigentliche Weg nach oben auf 14 Stationen den Leidensweg Jesu dar.

DSC01097
Neben dem religiösen Aspekt, trägt er auch einen historischen mit sich, der weit in die Vegangenheit reicht: Schon in der Herrschaft der Inkas wurde dieser als ein Heiliger Berg bezeichnet, auf dem der mythische Katzenkopf Titicacas und der Gott ‚Kotakawana‘ aus der andinischen Mythologie verehrt wurde. Außerdem bestehen Sagen über Sonnenverehrungen und Tier- oder Menschenriten, die auf diesem Berggipfel stattgefunden haben.
Mich persönlich ziehen die geheimnisvollen Geschichten mehr an, da ich es immer sehr interessant und auch spannend finde, selbst an solch einem besagten Ort mit so viel Mythologie gewesen zu sein. Deswegen war ich schon sehr aufgeregt am nächsten Tag auf die berühmte ‚Isla del Sol‘ zu fahren, die als Geburtsstätte der Inkakultur noch bestehende Ruinen mit weiteren verbundenen Legenden und Sagen besitzt.

Anstrengend stelle ich es mir auch für die Cholitas vor, die jeden Tag den Berg zu ihren kleinen Ständen dort besteigen müssen. Immer wieder kann ich mir kaum vorstellen, dass sich das lohnt. Dennoch gibt es dort zahlreiche Stände, die auch noch alle das Gleiche anbieten.

Noch aufgeregt und beeindruckt von den ganzen neuen Eindrücken, schlossen wir den ereignissreichen Tag am Strand, während wir den Verlauf des Sonnenunterganges fasziniert zusahen.

 

Und schon früh morgens setzten wir unsere Reise an die berühmte ‚Isla del sol‘ fort. So tuckerten wir mit Höchstgeschwindigkeit und einem vollbeladenem Boot an all den kleinen Inseln vorbei, die wir von dem ‚Cerro calvario‘ bereits gesichtet hatten.

 

Zuerst fuhren wir in den nördlichen Teil der Isla del sol, nach ‚Cha’llapampa‘, wo uns ein Sandstrand mit traumhafter Atmosphäre erwartete.

Schon beeindruckt von dem Sandstrand hat dieser Teil der Insel noch einiges mehr zu bieten. Denn im nördlichen Teil liegt der berühmte heilige Fels ‚titi karka‘, so wie auch einige Überreste der Inkakultur. Übersetzt heißt ‚titi karka‘ Puma – Felsen, der stellvertretend für den mythischen heiligen Katzenkopf steht und dem viele Rituale und Verehrungen gewidmet wurden. Der Name kommt daher, dass man mit seeehr viel Fantasi einen Katzenkopf in diesem Felsen sehen kann. (Dieser mythische Katzenkopf wurde auch schon in Copacabana auf dem ‚Cerro Calvario‘ mit Riten verehrt.)

 

Der Legende nach soll der Sonnengott Inti seine Kinder, den ersten Inka ‚Manco Cápac‘ und seine Frau ‚Mama Ocllo‘ dorthin entsandt haben, um auf diesem Fleckchen das Reich der Inka aufzubauen. Angeblich sind sie über den Felsen ‚titi karka‘ herabgestiegen und haben diesen Gründerort mit dem Sonnentempel und dem Inkalabyrinth gekennzeichnet, welche man heute noch bewundern kann.

Eine Inkatreppe die über der ganzen Insel erbaut wurde, führt zu jenem heiligen Felsen und zu den Inkaruinen. So liefen wir mit einem Kopftuch geschützt gegen die Hitze und einer Sonnenbrille diesen geschichtlich wertvollen Weg entlang und genossen die schöne Aussicht. Esel, Pferde oder vollbeladene Cholitas kamen uns immer mal wieder entgegen, die je nach Lust und Laune den ganzen Tag in der Sonne mit ihren Accessoires verharren. Da frage ich mir immer, ob sie entweder sehr hoffnungsvoll sind, um ausreichend Sachen zu verkaufen, oder aber obsie einfach nichts Besseres zu tun haben.

 

Trotz Anstrengung verging die Zeit recht schnell, weil dort eine Ruhe herrscht, und man sich den ganzen Eindrücke, vor allem die seltene Anblick von grünen Wiesen und Bäumen hingeben und sie genießen kann. Über Berge und zahlreichen Treppenstufen hinweg, erreichten wir den besagten Steintisch, auf dem Rituale für den Sonnengott vollzogen wurden. Des Weiterenm konnten wir das Inkalabyrinth erkunden, und uns selbst darin verirren. In den kleinen Ausbuchtungen in der Wand, wurden angeblich Mumien der ersten Inkas gefunden.

 

Des Weiteren führt dieser Inkaweg auch in den südlichen Teil der ‚Isla del sol‘, nach ‚Yumani‘, einem eher touristischem kleinem Ort, in dem man zahlreiche Restaurants und Hostels findet.
Nicht nur die Ruinen und die damit verbundenen Legenden waren noch auf dem nach ‚Yumani‘ eindrucksvoll und spannend, besonders auch die traumhafte Bilderbuch – Aussicht: Weit in der Ferne der blauen Weiten heben sich die schneebedeckten Anden hervor, welche im strahlenden Sonnenschein von jedem Fleck der Insel zu bewundern sind. Nur durch diesen Anblick wurde mir wieder klar, dass ich mich nicht irgendwo am Mittelmeer befinde, denn abgesehen davon, verlieh alles den Eindruck danach.

Am Abend stiegen wir dann auf einen Berg, umden Sonnenuntergang während des Abendessens in einem Restaurant zu bewundern. Nicht nur der Himmel, sondern auch das Wasser wurde in die verschiedensten Orange- und Gelbtöne getaucht, was ein unglaubliches Bild darstellte, von dem wir unsere Blicke nicht lösen konnten.


Sogar von unserem Hostel aus, hatten wir eine unbeschreibliche Aussicht und konnten von unserem Zimmer den Sonnenaufgang bewundern. Das Wasser glitzerte von Minute zu Minute mehr auf und kündigte einen herrlichen Tag an.  Dabei musste ich auch an Deutschland denken und habe mich gefragt, wie viel man wohl für ein Hostel mit solch einer Lage zahlen müsste. Für umgerechnete 4 Euro pro Nacht konnten wir unser Glück kaum fassen und den Blick nur schwer von dieser Kulisse abwenden, da alles zusammen so fesselnd war.


Früher oder später mussten leider auch wir wieder diesen traumhaften Ort verlassen.
Schon früh morgens kamen uns schwer beladene Einwohner entgegen, die ihre bepackten Esel vorantrieben. Noch einmal die Aussicht und die Atmosphäre genossen, stiegen wir die Inkatreppen hinab, bis wir am Seeufer waren und unser Boot bestiegen. Denn abgesehen von der Ruhe und Entspannung, die man dort erfährt, gibt es unheimlich viel zu sehen, zu erkunden und um die geheimnisvollen Legenden der Inkakultur abzutauchen.
In Copacabana wieder angekommen, ging es schweren Herzen mit dem Bus nach la Paz, um von dort aus wieder in einer schlaflosen Nacht in dem Nachtbus nach Sucre zurückzukehren. Zu unserem Pech hatte unser Nachtbus währenddessen auch noch unzählige Pannen und in einem Rhythmus von 15 Minuten Fahren mit anschließendem stundenlangem Warten, erwarten wir mit 5stündiger Verspätung endlich wieder unsere derzeitige Heimat, Sucre. Da wurde ich gleich schon wieder an das dort chaotische und hektische Leben, mit fehlender Ruhe erinnert.

Bolivianische Feiertage: Weihnachten unterm Mangobaum

Jeder hat mir in den vergangenen Tagen frohe Weihnachten und ein schönes Fest gewünscht.Für mich jedes Mal wieder eine Erinnerung, dass überhaupt Weihnachten ist.

Während ich normalerweise mit einer warmen Tasse Tee in der Hand bei Kälte schon den Weihnachtsabend herbeisehne, wird es hier in Sucre von Tag zu Tag wärmer – täglich werde ich von meiner Gastfamilie als verrückt bezeichnet, weil ich ständig in der Sonne bin. Während sie sofort den Schatten suchen, setze ich mich mit einer saftigen Mango in die Sonne und genieße das tolle Wetter. Diese Situationen habe ich bisher noch nie um die Weihnachtszeit erlebt – mit erfrischenden Mangos, Wassermelonen oder Papayas in der Sonne sitzend, kommt mir die Weihnachtszeit nur sehr unwirklich vor. In Bolivien gibt es kein Adventskranz, keine Adventskalender oder Weihnachtsmärkte, die einen helfen könnten in Weihnachtsstimmung zu kommen.

Ganz im Gegenteil – die bolivianische Weihnachtsmusik, bestehend aus Zampona, Ukulele, Gitarre, Trommeln, und einen für meine Ohren sehr schiefen ‚Gesang‘ helfen dabei nur recht wenig. Anstatt ständig ‚Last Christmas‘ oder ‚Jingle Bell‘ im Radio zu hören, ertönt hier diese laute und zum Teil sehr hektische Musik.
Abgesehen von der fehlenden weihnachtlichen Atmosphäre, wird dennoch schwer dekoriert. So wurde das Stadtzentrum in ein Meer aus verschiedensten Blinklichtern und Weihnachtsbäumen getaucht. Entweder die Familien dekorieren äußerlich gar nichts, oder sie übertreiben es mal wieder total mit den Farben und Lichtern.

 

Auch die Weihnachtsbäume im Zentrum, bestehen nur aus Lichtern oder Baumschmuck, sodass man gar nichts mehr von dem Baum sehen kann – für meinen Geschmack immer viel zu viel von allem, aber das ist eben typisch bolivianisch.


An jeder Ecke erwarten einen Weihnachtsmänner, bunte Weihnachtsbäume, Weihnachtsbrot oder Weihnachtskekse.

Als ich mit den Kindern aus der Familie Weihnachtsplätzchen gebacken habe, war das für sie ein einmaliges Ereignis. Die Familie selbst hat zugegeben, dass jeder hier zu faul ist und lieber Kekse kauft, anstatt sie selbst zu backen. Wenn ich da an meine Kindheit denke, dann kann ich mir das nur schwer vorstellen. Jährlich habe ich immer diese Backzeit sehnsüchtig erwartet – Während dem Figurenausstechen ein bisschen was von dem Teig zu naschen und dabei ‚In der Weihnachtsbäckerei‘ zu hören und fröhlich mitzusingen. So waren die Kinder voller Freude und Begeisterung dabei und wollten gar nicht mehr aufhören die Plätzchen zu dekorieren. Auch sehr hat sich die Familie über die Adventskalender gefreut – ein selbst gebastelten und zwei aus Deutschland mit Schokolade. Sofort haben sie mehrere Pläne erstellt, wer an welchen Tag ein Fenster bzw. ein Päckchen öffnen kann. Mit diesen kleinen Dingen, die zumindest bei mir zur Hause zur Normalität gehören, habe ich (hoffentlich) allen eine große Freude bereitet.


Auch habe ich mit meiner Familie in Deutschland schon recht früh angefangen, den Weihnachtsbaum mit Kugeln und Lichtern zu schmücken. Jetzt jedoch stand hier der künstliche lilafarbene Baum bis zum 22. Dezember ungeschmückt in der Ecke, bis immer mal wieder wer über die Tage verschiedene Sachen drangehängt hat. Jedes Mal wenn ich den Baum sehe, frage ich mich, wie man sich nur so ein geschmackloses Stück anschaffen kann. Vor allem macht es die Dekoration nicht gerade besser. Das drückt eben auch wieder die einzigartige Begeisterung für Farben und den, für mich fehlenden bolivianischen Geschmack aus 😀

Zur Tradition gehört es auch, dass jedes Haus eine Weihnachtskrippe aufstellt – Unter dem Dach aus Tannenästen befinden sich zahlreiche Figuren, die zudem mit vielen Blinklichtern sofort die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Diese Krippe und vor allem die Jesusfigur spielt eine besondere Bedeutung in der Weihnachtszeit:
Denn in der Nacht des 24. Dezembers wird die Weihnachtszeit mit einer Messe eröffnet. So gut wie jede Familie besucht diese in Begleitung einer Jesusfigur der Weihnachtskrippe, um sie dort zu segnen und die Geburt Jesu zu feiern. Danach wird sie wieder zurück in die Krippe gelegt und es wird erstmal getanzt, so wie es sich eben für bolivianische Feste gehört. In jedem Haus ertönt die laute boliviansche Weihnachtsmusik, fröhliche Stimmen und das Klatschen zur Musik. Dabei wird der traditionelle Weihnachtstanz Chuntunqui vor der Weihnachtskrippe getanzt – auch wieder mit dem Hintergrund die Geburt Jesu zu feiern. Diese kleines Weihnachtstanzfest, was teils auch einem Kindergeburtstag ähneln kann, wird nur durch das Anklopfen anderer Kinder unterbrochen, die vor der Krippe tanzen. Dafür erhalten sie dann Buñuelos und heiße Schokolade.

Buñuelos sind frittierte dünne ‚Teigfladen‘, deren Masse mit Zimt und Anis zubereitet wird. An sich ganz lecker, jedoch auch sehr fettig. Und die heiße Schokolade ist wie immer in Bolivien: vieel zu süß! Es scheint als ob dies zur Weihnachtszeit gehört wie in Deutschland Glühwein und Lebkuchen 😀
Nach der ‚Belohnung‘ setzen sie ihren Tanzmarathon fort, ziehen weiter von Haus zu Haus um vor den Krippen und der Jesusfigur zu tanzen. Mit den Tänzen wird hier die Freude und das Glück der Menschen über die Jesusgeburt ausgedrückt. Sie meinen das das Jesuskind jedes Jahr neu geboren wird. Deshalb segnen sie es immer wieder in der Kirche und tanzen jedes Jahr aufs Neue. Bei diesem Gebrauch wird besonders der religiöse Aspekt und der starke Glauben der Menschen deutlich.
Um Mitternacht des 24. Dezembers werden nicht nur die Tänze begonnen, sondern auch der Himmel mit einen prächtigen Feuerwerk zur Feier des Tages hell erleuchtet. Viele essen auch um Mitternacht das traditionelle bolivianische Weihnachtsessen Picana: eine süßliche Suppe mit viel Gemüse, Maiskolben, Weintrauben und normalerweise mit vier Sorten Fleisch. Das ist für eine Vegetarierin wie mich nicht gerade sehr vielversprechend gewesen. Zum Glück jedoch für mich ohne Fleisch und zur Überraschung sehr lecker!

Während in Deutschland die meisten Kinder schon am Abend des 24. Dezembers voller Spannung die Geschenke aufreisen, müssen sich die Kinder hier bis zum Morgen des 25. gedulden. Früher habe ich mich schon immer unwohl und schlecht gefühlt, wenn ich erst zwei Tage vorher schnell im Stress die letzten Weihnachtsgeschenke geholt habe. In meiner Gastfamilie jedoch wurde die Bescherung von dem Morgen auf den Abend verschoben, weil keiner (außer ich)  Geschenke für jemanden hatte. So sind wir dann erstmal noch auf einen riesigen Mark gegangen, auf dem sie alles einkaufen konnten.

Nicht jede Kinder haben Glück und erhalten zu Weihnachten Geschenke. Schon im Voraus wurde mir gesagt, dass Weihnachten hier ein sehr trauriges Fest ist, da es die Armut in der Gesellschaft zeigt. Vor allem am Morgen des 25. Dezembers, nachdem normalerweise die ersehnten Geschenke überreicht werden, wird die Ungleichheit deutlich: Traurige Kinder, die mit leeren Händen anderen vollgepackten und fröhlichen Kindern hinterherschauen, wie sie glücklich ihre Geschenke halten, heiße Schokolade und Buñuelos essen. Anfangs war für mich diese Aussage nur schwer vorstellbar. Denn jedes bolivianische Fest versprüht mit der Musik und den Tänzen eine solche Euphorie und Leidenschaft. Jedoch sah man von Tag zu Tag mehr fremde Familien im Zentrum, die lange Reisen auf sich nehmen, um in Großstädten nach Geschenken oder Gebäck zu bitten. Dabei müssen sie auf den Straßen schlafen mit der Hoffnung, dass die Reise nicht umsonst war. Deshalb setzen sich viele Vereine zusammen, beladen LKWs mit Geschenken, bereiten Bunuelos und heiße Schokolade vor, um sie an die arme Gesellschaftsgruppe zu verschenken. Ein endlos erscheinende Schlange aus Menschen, denen man ansieht, was sie in den letzten Tagen alles durchgemacht haben, bildet sich vor diesen LKWs oder Gebäuden.
Zur Überraschung und zu meiner Freude gab es eine solche Aktion in meinem Barrio: Als ich morgens mal wieder meinen Mangovorrat für den Tag auffrischen wollte, kamen mir alle Kinder mit Gebäck, einem Geschenk und einem vor Freude und Glück strahlendem Gesicht entegegen. Alle Familien haben sich mit den Kindern vor dem Markt meines Barrios versammelt, um Geschenke und das traditionelle Frühstück kostenlos zu Erhalten.

Auch in meinem Projekt haben wir eine solche, jedoch kleinere, Weihnachtsaktion am 22. Dezember gestartet. Bevor das Wiñay in eine kurze Weihnachtspause eingetreten ist, haben wir nach Tradition des Projektes mit einigen Müttern Buñuelos und heiße Schokolade vorbereitet, um diese dann an die Kinder zu verschenken. Also haben wir uns schon morgens im Projekt getroffen, um den Teig vorzubereiten. Zum Glück mussten sich die Männer durch die Teigmassen kneten – Krafttraining mal auf eine andere Art.


Beim Anblick der Teigmenge, hatte ich schon befürchtet, dass wir nicht bis zum ‚Weihnachtsfetival‘ um 15 Uhr fertig werden. Zum Glück jedoch hielten die Mütter ihr Versprechen und trudelten nach und nach ein, um zu helfen.

 

So waren wir rechtzeitig fertig und um 15 Uhr gingen die Tänze los. Die Kinder und Jugedlichen wieder in den bolivianischen Tanzkostümen verkleidet, tanzten in den Straßen verschiedener Barrios. Von dem traditionllen Weihnachtstanz, Chuntunqui, bis zu vielen anderen Karnevalstänzen konnten die Leute die Leidenschaft und Freude der Kinder beim Tanzen mitverfolgen.

 

Zum Glück erreichten wir vor dem Regenschauer das Jugendgebäude in Bartolina, in dem die ‚Feria navideña‘ weiterging. Dort war alles bolivianisch dekoriert, natürlich auch mit der traditionellen, sehr großen Weihnachtskrippe, einer gebastelten Palme als Weihnachtsbaum und viele Lichter, alles begeleitet von lauter bolivianischer Weihnachtsmusik.

Schon beim Betreten des Gebäudes, zog einem der Duft der frisch gebackenen Buñuelos in die Nase. Die Kinder konnten kaum erwarten, bis sie diese endlich essen konnten. Davor jedoch gab es noch Puppentheater, ein Chor und verschiedene Tänze, bei denen alle Kindern begeistern mitmachten.

IMG_3795

Auch Joshua und ich, verkleidet mit Weihnachtsmütze oder als Weihnachtsmann , und ich, hatten einen Weihnachtstanz mit den Jugendlichen zu dem Lied ‚Jingle Bells‘ einstudiert und führten ihn dort vor.

Danach haben wir den berühmten Weihnachtssack gezückt, der mit frisch gebackenen Plätzchen für die Kinder gefüllt war. Diese waren schon voller Vorfreude und genossen die Buñuelos, die heiße Schokolade und die gebackenen Plätzchen von mir und Joshua, die wir an sie verschenkten.

Zum Schluss wurde dann vor der Weihnachtskrippe nochmal ausgiebig getanzt, während sich nach und nach jeder mit den Worten ‚Feliz Navidad‘ verabschiedet hat.


Weihnachten dauert in Bolivien bis zu dem 6. Januar, dem ‚Día de los reyes magos’ (Heiligen drei Könige) an. Das bedeutet, dass jeden Abend die Musik aufgedreht und vor der Krippe getanzt wird.
Wie die Weihnachtszeit mit einer Messe beginnt, so endet sie auch letzten Tag mit einer weiteren Messe. Die Dekoration und vor allem das Lichtermeer wird abgehängt, die zum Teil lilanen Weihnachtsbäume wieder verstaut, die Krippe abgebaut und die Tänze enden, sodass jeder wieder in seinen Alltag zurückkehren kann.
Für mich dauert daher die Weihnachtszeit noch etwas länger an und ich bin schon sehr gespannt welche Bilder und Situationen, ob fröhliche oder bedrückende, mich erwarten. In diesem Sinne Feliz Navidad a todos !!

Ich feue mich schon zu berichten, was die bolivianischen Traditionen und Gebräuche noch weiter offenbaren.

_DSC3955

La Paz

Von El Alto, die zweitgrößte Stadt Boliviens, die oberhalb von la Paz auf 4150 m Höhe liegt, kann man schon auf die Häuser von La paz blicken – wie sie sich in einem Tal über die Berge hinwegziehen.

IMG_2863

In der Flota sind wir auf der Autobahn von El Alto nach La Paz hinuntergefahren. Auffällig war, dass auf der Autobahn Bolivianer ihre Joggingtour nachgehen oder es Cholitas den Weg entlanglaufen. Ganz witzig, denn wen sieht man auf einer deutschen Autobahn Sport machen? Oder wann sieht man alte Frauen auf einer Autobahn gemütlich langlaufen? Das war die erste Autobahn, die ich in Bolivien bisher gesehen habe. Im Vergleich zu den deutschen Autobahnen gleicht es mehr einer Schnellstraße. 😀 Aber die Aussicht schon aus der Flota ist sehr eindrucksvoll. Es scheint, als ob sich die Stadt in einem Vulkankrater, umgeben von Bergen und Abhängen befindet. Egal ob Schluchten oder scheinbar unüberklimmbare Berge das Stadtzentrum einkesseln, die Bolivianer bauen trotzdem ihre Häuser auf jeden freien Fleck und breiten die Stadt über die Berglandschaft aus. Sehr interessant zu sehen, wie gerade an solch einem Ort eine so große Stadt entstanden ist. Und dann auch noch nach Santa Cruz und El Alto die drittgrößte Stadt von Bolivien, in der sich zudem noch der Regierungssitz befindet.

Im Vergleich zu Sucre eine richtige Großstadt, die auch in der Modernität eine Schritt voraus zu sein scheint. Es gibt zahlreiche Hochhäuser, viele Einkaufsmöglichkeiten, Leuchtsreklamen und Plakate. Generell sehen die Häuser moderner aus, da sie im Vergleich zu den meisten Häusern in Sucre, verputzt und gestrichen sind.

Dies wird schon durch eine Gondelbahn deutlich, die eine Verbindung zu El Alto, der höher gelegen Stadt, darstellt. Anfangs war es ganz schön komisch ohne Skischuhe und ohne das hektische Verstauen der Ski in die Gondel einzusteigen. Wir alle haben das Geräusch der Skischuhe auf dem Metallboden vermisst. 😀


Die Aussicht aus dieser Gondel ist gigantisch: Am Tag hatten wir Ausblick auf ganz La Paz – wie sich die Häuser über alles hinwegsetzen.

IMG_2871

In der Nacht erwartete uns ein Lichtermeer. Wie kleine Glühwürmchen in der Dunkelheit, die überall verstreut blinken. An der Endstation der Gondel, in el Alto, kann man nochmals diesen gigantischen und eindrucksvollen Ausblick genießen.

IMG_2769  IMG_2768

IMG_2802

 

Mit Ausblick auf alle Gebäude, ist mir auch ein Fußballplatz aufgefallen, über dessen Standpunkt und Ausbau wohl nicht sehr gut drüber nachgedacht wurde:

In diesem Fall kann natürlich das Fußballspielen an sich der Sport sein. Oder auch die verzweifelte Suche und das Hinterherrennen nach dem Ball, falls man den Schuss aus Versehen mal etwas zu hoch angesetzt hat. Mir persönlich würde da schnell die Lust vergehen. Außerdem hätte ich nicht das Geld, mir nach jedem Spiel oder Training einen neuen Ball zu kaufen. 😀
Solche Anblicke sind typisch für Bolivien und immer wieder sehr amüsant. Was sie sich dabei gedacht haben weiß keiner, aber wahrscheinlich nicht all zu viel. 😀

Auch eine sehr interessante Bauweise eines Hauses haben wir entdeckt:

IMG_2698

Das Haus besteht eigentlich nur aus Treppenstufen, die man erstmal besteigen muss, um in das einzigste Zimmer gaanz oben zu gelangen. Auch in diesem Fall würde ich eigentlich gerne wissen, was sich der Architekt bei diesem Entwurf gedacht hat. 😀

 

Neben diesen merkwürdigen Bauten sind wir am Sonntag mit der Gondel nach El Alto gefahren, um einen rieeesen Markt zu besuchen: Ein Stand nach dem anderen, dicht aneinandergereiht, sodass ich gar nichts anderes mehr gesehen habe. Auf diesem Markt kann man aber auch echt alles kaufen: Von Klamotten, Schuhen, Spielzeugen zu allerart von Autoteilen und Handwerkzeug. Außerdem trifft man auf viele Obststände, bei denen wir sehr exotische, für uns davor unbekannte Früchte entdeckt und gegessen haben. Ausgelacht wurde ich immer von den Cholitas, als ich fragte, was das ist und ob man dies essen kann. Aber, woher soll ich das denn auch wissen 😀 Früchte die wie eine Kombination aus Litschi und Orange und Litschi und Banane waren – sehr interessant 😀 Außerdem gab es auch eine Frucht, jetzt bin ich mir nicht mehr sicher ob es wirklich eine war, die wie ein stinkender Käsefuß gerochen hat, und eine eher pulverartige, trockene Konsistenz hatte. So wie es gerochen hatte, musste ich mir das kleine Stückchen runterzwängen, um am ende einen undefinierbaren, nicht gerade leckeren Geschmack im Mund zu haben. Keine Wiederholung wert, aber auf jeden Fall mal eine interessante Erfahrung 😀

Die Namen dieser Früchte waren leider so merkwürdig, dass ich sie mir nicht merken konnte. Diese habe ich noch nie zuvor gehört oder irgendwo gesehen, deswegen besser mal lieber nachfragen, um was es sich eigentlich handelt. 😀
Neben diesem großen Markt in El Alto, haben wir auch noch den Hexenmarkt in La Paz besucht. Klingt zwar sehr geheimnisvoll und mystisch, ist jedoch nicht allzu spektakulär und hat auch keine spannende Hintergrundgeschichte. An jedem Stand kann man, so wie es für Bolivien typisch ist, eigentlich dasselbe kaufen: natürliche Heilmedizin, verschiedene Medaillons, Lamaföten oder Hasenfüße.

Diese Anblicke versprühten zwar schon eine leichte mystische Atmosphäre, zum Teil aber auch ein ekliges Gefühl.

Natürlich haben wir auch die berühmte Kirche San Francisco bewundert, jedoch nur von außen. Denn die  Einkaufsstraße direkt rechts daneben hat uns magisch angezogen. 😀


Was auch immer wieder auffällig und sehr interessant ist, inwiefern sich die Menschen innerhalb der verschiedenen Departamientos verändern. So kleiden sich die Cholitas zum Beispiel ganz anders: Mit tausend Röcken übereinander gegen die Kälte gerüstet  und mit einem Charlie Chaplin ähnlichen Hut.

Von Departamiento zu Departamiento verändert sich die Gesellschaft ein bisschen – sei es in der Sprache, in der Mentalität, in den Getränken und dem Essen, oder in der Kleidung. Während zum Beispiel bei mir in Sucre Quechua als zweite Sprache gesprochen wird, ist es in La Paz und EL Alto Aymara.

Da bin ich gespannt, welche Cholitas, Hüte, weitere Sprachen oder andere Auffälligkeiten mich in anderen Departamientos erwarten.

Abgesehen von diesen Attraktionen, scheint das Leben in La paz viel chaotischer und hektischer zu sein – wie eben in einer Großstadt.

Das wäre definitiv zu groß für mich und ich wüsste, dass ich mich wahrscheinlich ständig zu meiner Arbeit oder sogar zu meinem Haus verirren würde. Es scheint unendlich viele Micro – Truffisrouten zu geben, sodass ich wahrscheinlich immer den falschen Bus nehmen würde. Als wir nach diesem Wochenendtrip wieder zurückfuhren, war ich richtig froh im vergleichsweise kleinen Sucre wieder zu sein. Vor allem auch in einem barrio, in dem ich jedes Kind begrüße und die Leute mich kennen, wissen wer ich bin und was ich mache. Ich denke das es dieses eigene, persönlichere und intimere ‚Barrioleben‘ nicht in einer großen Stadt wie La paz gibt. Aber genau das finde ich persönlich schön und auch wichtig.

 

Tanzfestival im Parque Bolívar

Schon an dem darauffolgendem Wochenende folgte eine weitere Aktion meines Projektes: Ein Tanzfestival im ‚Parque bolívar‘.
Um 8 Uhr morgens war die eigentliche Abfahrt ins Zentrum geplant. Wie natürlich typisch kamen wir dann eine Halbe- bis Dreiviertelstunde auch mal los. Der Kleinbus, vollbeladen mit Tischen, Stühlen, Kisten voller Spielzeugen, Tanzkostümen mit den dazugehörigen Accessoires und zwischendrinnen noch uns, fuhr uns dann zum Parque bolívar.

20151115_133113

Schnell alles aufgebaut, dauerte es auch nicht lange, bis die ersten neugierigen Kinder oder Erwachsenen sich versammelten, um die gestellten Freizeitspiele zu nutzen.

Des Weiteren wurde für Kleinkinder noch eine Art ‚Betreuung‘ angeboten und mit ihnen gemalt oder gespielt. Alle Spiele, Malaktionen oder die Betreuung wurden kostenlos gestellt, von allen begeisternd genutzt und sorgten schnell für viele glückliche und lachende Kindern, so wie auch für entspannte Eltern.

Auch ich unternahm eine kleine Malaktion mit den Kindern. Meine Aufgabe war es, mit allen möglichen Kindern, die Lust haben etwas zu malen, ein Leinentuch zu gestalten. Anfangs sollte ich dann einfach die ganzen Farben bereitstellen, das Leinentuch ausbreiten und selber anfangen zu malen, bis Kinder dazukommen und mitmachen wollen. Deswegen kam ich mir auch zu Beginn ziemlich blöd vor, mitten im Park alles auszubreiten und mit der Hoffnung anzufangen,  dass irgendwann mal welche dazu stoßen. Schon im Voraus hatte ich Angst, dass sich am Ende jeder nur für die Spiele interessiert und keiner das Leinentuch mitgestalten wollte. Unsicher fing ich dann an einen Baum zu malen, mit der Idee, dass die Kinder die Äste, den Himmel oder den Boden gestalten können. Dabei sollten sie Sachen einbauen, die sie mit dem Leben verbinden. Zum Glück blickte ich nicht nur in verwunderte Blicke von Jugendlichen, die sich wahrscheinlich fragten, was ich dort unten auf dem Boden mitten im Park treibe. Sondern auch in neugierige Blicke kleiner Kinder. Schnell ergriff ich die Initiative und schon bald waren alle Pinsel in den Händen der Kinder vergeben. Für mich war dieser Anblick nicht nur erleichternd, sondern auch sehr schön in die funkelten Augen der Kinder zu blicken, als sie die ganzen Farben und Gestaltungsmöglichkeiten sahen. Außerdem war es interessant  zu sehen, wie das leere Leinentuch mit einem anfänglichen eher trostloen Baum immer prächtiger, voller und bunter wurde. Von Kind zu Kind flossen neue Ideen, neue ‚Details‘  und Farben in das Bild hinein.


Nach ca. 2-3 Stunden zeichnen, machte ich mich dann so langsam an das Aufräumen, da sich jeder schon für die großen Tanzaufführungen der Kinder und Jugendliche meines Projektes bereitmachten.
Zufrieden und erleichtert mit dem Endergebnis, machte ich mich dann an das Aufräumen und den Abwasch der Pinsel. Bereits hatten auch schon die Tanzaufführungen gestartet und die laute bolivianische Musik konnte man überall im Park hören. Während dem Putzen am Waschbecken nahe der Tribüne, konnte ich mit Ruhe und Gelassenheit der Musik lauschen und die Tänze nebenbei miterleben.

Doch dann wurde ich plötzlich aus der Gelassenheit und Ruhe gerissen: Nichts erwartend hielt ich auf einmal den Wasserhahn in der Hand und das Wasser spritzte von allen Seiten nur so um sich. Verzweifelnd und in Panik ausbrechend, probierte ich den Hahn irgendwie wieder ranzuschrauben, so dass ich nicht komplett nass werde. Vergeblich versuchte ich jedoch die ‚Wasserfontäne‘ stillzulegen. Immer mal wieder drehte ich mich unsicher um und hoffte, dass nicht allzu viele Blicke auf mich gerichtet sind. Denn meine Absicht war eigentlich nicht, dass ich zur Hauptattraktion bzw. zum Hauptgelächter des Tages werde. Leider waren alle Sitze belegt belegt, ich direkt neben der Tribüne und somit im Blickfeld aller.

Schnell kam eine Cholita herangeeilt und fragte mich einerseits entgeistert andererseits aber auch lachend, was ich denn angestellt hätte 😀
Sicherlich stellte ich für die Bolivianer ein ganz witziges Bild dar: Eine junge blonde Ausländerin, die einer ‚Wasserfontäne eines kaputten Wasserhahns gegenübersteht, schon komplett nass ist und vergeblich versucht, den Wasserhahn wieder ranzuschrauben, um das Wasser zu besänftigen.
In dieser Situation kam ich mir ehrlich gesagt auch ziemlich ziemlich blöd vor. Zum Glück kam bald Joshua hergeeilt, um mir irgendwie zu helfen. Jeder fragte mich entgeistert und verwundert, was ich denn bloß angestellt hätte.

Also waren wir nun zu zweit, bald zu viert und versuchten, dass Ding zu reparieren. Letztendlich wurde es dann von Arbeitern des Parks repariert, und wir alle waren nass. 😀
Im Nachhinein ganz lustig, vor allem wenn ich mir vorstelle, was sich die Bolivianer bei diesem Anblick gedacht haben 😀
Noch innerlich aufgewühlt und aufgeregt konnte ich zum Glück noch einige Tänze der Kinder miterleben.

Jedes Mal bewundere ich die Tänze und die Umsetzung der Kinder aufs Neue.

Casa del terror

Eine Woche nach Halloween gab es von meinem Projekt eine ‚Aktion‘ mit den Jugendlichen: ‚Casa del terror‘. Das Gebäude der Jugendlichen in Bartolina haben wir in ein Horrorhaus umgestaltet, um Kinder und Erwachsene zu erschrecken. Halloween ist in Bolivien nicht ganz so verbreitet wie in Deutschland. Deshalb war ich gespannt, was die Besucher im Casa del terror alles erwarten wird.
Wie es typisch für Bolivien ist, hieß es zwei Tage davor wieder Stress Stress Stress. Denn es wurde mal wieder davor nichts gemacht. Ich hatte zwar schon zwei Wochen vorher wie verrückt im Internet nach Dekorationsideen geguckt und war voller Tatendrang alles umzusetzen. Aber für die anderen war alles noch gaaanz weit weg..
Also haben wir dann noch im letzten Moment die ganze Zeit damit verbracht, die Fenster mit Decken abzudunkeln und das Horrorlabyrinth in dem Gebäude aufzubauen – generell im letzten Moment überhaupt mal mit einer Planung, Dekoration und Verteilung der Rollen angefangen.
Anstatt Gesichter in einen Kürbis reinzuschneiden, haben wir ungewöhnlicher Weise Wassermelonen verwendet. Ganz witzig, weil die Bolivianer das generell noch nicht kannten, aber sehr begeistert davon waren. Der Effekt war der Gleiche und wir hatten sogar noch einen genialen Wassermelonensaft. Auch wenn wir erst am Gleichen Tag damit angefangen die vorzubereiten, dementsprechend nur wenige ‚Halloweenwassermelonen‘ entstanden sind, konnte ich immerhin eine meiner Ideen noch umzusetzen.

_DSC0446

Zwei Stunden vorher sollte ich dann noch schnell die Gesichter der Jugendlichen schminken. Da jeder natürlich mal wieder später kam, hatte ich letztendlich nur noch eine Stunde Zeit. Währenddessen habe ich mir dann den Kopf darüber zerbrochen, dass wahrscheinlich nichts klappt und diese Aktion total in die Hose geht. Die Jugendlichen aber waren total optimistisch und die Ruhe in Person – klar, sie sind ja auch die Spontanität gewöhnt und warten immer ab, wie sich alles von alleine entwickelt. Zuversichtlicher war ich dann auch, als man bald nur noch Gruselgesichter und erschreckenden Kostümen erblickt hat.

Mittlerweile hat sich schon vor der Tür hat eine Schlange von Kindern und den Eltern angesammelt, die es kaum erwarten konnten, in das Labyrinth des Schreckens abzutauchen. Und dann ging es auch schon los..


Neben Geistern, Hexen, Menschen mit Motorsägen, anderen undefinierbaren Verkleidungen, wartete auch auf sie ein Operationstisch. Joshua lag mit seiner ‚Fredy‘ – Maske auf einem Tisch, während ein anderer ihm mit gebauten Messern und Sägen den Bauch aufschnitt und den Kindern eine echte, EINE ECHTE LEBER vor das Gesicht hielt. Am Anfang konnte ich es nicht fassen, dass sie wirklich eine echte Leber dafür benutzten und die dann auch noch freudig vor das Gesicht baumeln ließen. Der Effekt war grandios und ähnelte einer wirklichen Szene eines Horrorfilms. Dennoch fand selbst ich das ein bisschen extrem und nicht lange hat es gedauert, bis die ersten Kinder weinend vor Schreck aus dem Gebäude herausgestürzt kamen. Diese konnten wir jedoch nur schlecht beruhigen. Denn selbst horrormäßig geschminkt zu einem weinenden Kind zu gehen, um es zu beruhigen, hat es nicht gerade besser gemacht.

 

An jeder Ecke des Labyrinths warteten andere Gruppen auf die Besucher, um ihnen einen Schrecken einzujagen.

Alles begleitet von Horrormusik oder auch lauten Anfahrgeräuschen eines Motorrads. Denn einer der Jugendlichen hat sein Motorrad im Gebäude platziert und es immer mal wieder starten lassen.

_DSC1057

Nicht nur das laute Motorgeräusch war auf Dauer ohrenbetäubend und unangenehm, sondern auch die Luft. Schon vor Beginn hatten wir Freiwilligen, uns gefragt, was die sich denn eigentlich dabei gedacht haben. Denn in einem geschlossenen Gebäude, in dem keine frische Luft eindringen kann, ist ein Motorrad fatal. Immer wieder stieß es eine unheimliche Wolke aus Abgasen aus und verschlimmerte sie Luft stetig. So wie wir natürlich schon befürchtet hatten – die Luft war schrecklich und stellte für mich den Horror dar. Wir alle hätten uns auch gleich an einen Auspuff hängen können. Nach über 5 Stunden in diesem Gebäude konnte ich es kaum erwarten draußen wieder frische Luft einzuatmen.

Aber wie es scheint, hatten die Bolivianer keine Bedenken und Probleme damit und wahrscheinlich auch einfach nicht richtig nachgedacht hatten.. 😀
Dennoch hat es total Spaß gemacht die Kinder zu erschrecken und das Casa del terror war ein voller Erfolg. Ich hätte ehrlich gesagt im Voraus nicht gedacht, dass es so gut wird. Denn einen Tag bzw. auch noch drei Stunden vorher, war alles noch so planlos und zum Teil unorganisiert. Außerdem lässt die Zuverlässigkeit von den Jugendlichen zu wünschen übrig. Man kann sich nie sicher sein, ob sie alle kommen und auch die Sachen vorbereiten haben und mitbringen, was man ihnen aufgetragen hat. Deswegen hatte ich schon befürchtet, dass wir einfach nur in einem dunklen Gebäude stehen und eben die Kinder erschrecken. Zur meiner Überraschung aber, kann man sich vielleicht doch bei solchen Aktionen im allerletzten Moment auf die Bolivianer verlassen. Allein schon dass Kinder weinend aus dem Gebäude kamen, zeigt, dass wir erfolgreich waren und das Ziel dieser Aktion ganz gut umgesetzt haben.


Nach dem ganzen Geschrei, Verstellen der Stimme, um die Kinder zu erschrecken und dem ständigen Einatmen der Abgasen, graute es mir schon vor dem nächsten Morgen. Denn ich wollte eigentlich nicht eine ‚Horrorstimme‘ bzw. gar keine Stimme am nächsten Tag haben. Zum Glück jedoch scheinen meine Stimmbänder und Lunge ganz robust zu sein, und ich konnte mich einigermaßen normal unterhalten.

Bei dieser Aktion fand ich es wieder ganz interessant, die bolivianische Planung, Organisation und letztendliche Umsetzung mitzuerleben. Vor allem auch, auf welche Ideen die Jugendlichen kamen. Denn eine echte Leber wurde mir bisher auch noch nicht im Europapark in der Horrorbahn vor das Gesicht gehalten.

Einblicke in die Kultur I

Besonders die Kultur ist für mich immer sehr interessant, weil sie so unterschiedlich ist – es gibt immer verschiedene Traditionen, Handlungsmuster, Glaubensvorstellungen, Gebräuche, und ein andere Umgang – generell eine andere Art des Lebens.
Wahrscheinlich habe ich noch nicht alles von der bolivianisches Kultur gesehen, dennoch in den nun fast drei Monaten viel erlebt und einige Einblicke bekommen.
Besonders der andere Umgang mit der Zeit, bzw. das eher ’nachlässige Zeitgefühl‘, ist sehr auffällig. Wenn man für eine bestimmte Uhrzeit verabredet ist, heißt es prinzipiell, dass man mindestens 20 min später kommen muss. Oft werde ich für meine ‚deutsche Pünktlichkeit‘ belustigt angeguckt, kann aber trotzdem immer nur mit schlechtem Gewissen zu spät kommen. So muss ich prinzipiell auch immer abends bei der Arbeit auf meine Kollegen mit dem Schlüssel für das Gebäude warten. Bei einem Festival meines Projektes haben sie sogar einmal den Leuten gesagt, dass es um 19 Uhr beginnt, obwohl wir um die Zeit erst mit dem Aufbau angefangen und den Beginn des Tanzfestes auf 20 Uhr gelegt haben – auf einer Seite ganz schön dreist, auf der anderes Seite aber auch für mich ganz lustig und interessant, denn die Menschen kamen dann ‚pünktlich‘ um 20 Uhr 😀 In solchen Sachen vergleiche ich dann oft mit dem Umgang in Deutschland: Da würde man wahrscheinlich schon Wochen vorher mit den genauen Planungen und dem Aufbau beginnen, und alles bis ins kleinste Detail planen. Hier aber merkt man einen Tag vorher, dass fast noch alles fehlt und so gut wie nichts geplant ist – was alles aufgebaut werden muss, was alles noch eingekauft oder vorbereitet werden muss, wer welche Aufgaben hat ..
Oder, wie in diesem Beispiel, fängt man eben erst eine Stunde vorher mit dem Aufbau an. Aber dann heißt es auch Stress, Stress, Stress… 😀 Manchmal denke ich dann dass eine genauere Planung nicht ganz Schaden würde. Aber auf der anderen Seite ergeben sich dann die Sachen so wie sie sind und durch den Stress, oder positiver ausgedrückt, der ‚erzwungenen Spontanität‘, kommt man auf zahlreiche Ideen. Und letztendlich hat, zumindest bisher, immer alles geklappt.
Was auch auffällig und ganz anders ist, ist das Familienleben. Entgeistert und verwundert wurde ich gefragt, wieso ich schon mit 19 Jahren das Haus verlassen habe, um solch eine Reise zu machen. Hier wäre das für eine 19 – Jährige undenkbar. Erstaunt waren sie auch, dass es in Deutschland viele Jugendliche gibt, die schon mit 18 komplett von zu Hause ausziehen und selbstständig leben. Im Gegensatz dazu lebe ich in einem Haus mit 14 Personen, die alle Teil der Familie darstellen. Und so ist es nicht nur in meiner Gastfamilie. Generell bleibt die Familie immer zusammen. Und wenn man heiratet oder eine Familie gründet, dann baut man eben an und die komplette Familie zieht mit ins Haus. So erweitert sich es dann iiiimmer weiter. Niemals würden sie ihre Familie verlassen. Hier gibt es einen anderern Sinn für die Familie, ein anderer Familienzusammenhalt und ein anderer Umgang. Viele hätten zwar Lust zu reisen so wie ich es tue, um was von der Welt zu sehen. Aber würden es letztendlich nicht machen, der Familie wegen. Oder alle Familienmitglieder mitnehmen und im Koffer verstecken 😀
Auch der Umgang mit verstorbenen Familienmitglieder ist ganz anders. Nach unserer Rückkehr von Salar de Uyuni, bekamen wir Einblicke in eines der größten und wichtigsten Feiertage von Bolivien: Todos Santos (Allerheiligen). Halloween, was ich sonst immer um die Zeit gefeiert habe, wird nicht so stark gefeiert und kam erst die letzten Jahre durch die Ausländer mit ins Land. Dafür feiern sie aber umso mehr Todos Santos. An diesem Tag geht die Familie auf den Friedhof und an die Gräber der Verstorbenen. Anstatt viele Blumen oder Kerzen, habe ich auf den Gräbern erstaunlicherweise kleine Cola- oder Bierflaschen, Spielsachen, oder sogar verschiedenes Gebäck und Obst gefunden. Es wird all das bereitgelegt, was die Person sehr gemocht hatte. Anfangs ziemlich komisch bzw. einfach ungewohnt für mich, Alkohol mit einem Glas dabei, Kekse oder Brot auf einem Grab zu sehen. Aber im Nachhinein finde ich diesen Umgang richtig toll – irgendwie intensiver und persönlicher, weil man immer noch auf die Interessen, Vorlieben und Wünsche der Person achtet.
Auf den Friedhof, um an die Verstorbenen zu gedenken, geht man eigentlich am Sonntag. Da wir jedoch erst am Montag von unserer Reise zurückkamen, zeigte mir dann meine Gastfamilie trotzdem alles begeistert.
Nachdem wir wieder von dem Friedhof gegangen sind, kamen uns schon viele Menschen mit Tüten entgegen, die voller Essen waren. Das gehört auch zu diesem Feiertag. Denn alle Familien, von denen ein Mitglied in diesem Jahr verstorben ist, müssen ihr Haus mit einem ‚Tuch‘ kennzeichnen und für alle ein Fest mit Essen und Trinken bereitstellen. Dabei ist es noch nicht mal wichtig bzw. relevant, ob man die Familie oder gar den Verstorbenen gekannt hat: Die Türen stehen für alle offen. Auch ich durfte solch eine ‚Feier‘ miterleben, die nicht einer üblichen Trauer- oder Gedenkfeier glich.
Das habe ich schon an der Eingangstür gemerkt: Man darf nur Eintreten, wenn man an der Tür drei Gläser Alkohol, Chicha und Liköre, trinkt. Dann wurde mir auch noch eine Box mit verschiedenem Gebäck geschenkt. Danach befand ich mich in dem Raum, in dem sich alle Besucher versammeln und wo sich auch der ‚Gedenkaltar‘ für die verstorbene Person befindet.
Auch wieder bei wieder bei diesem Anblick war ich überrascht und fasziniert: Ein riesen Tisch, vollgepackz mit verschieden Obstsorten, Getränkesorten, Gebäck, oder sogar fertig gekochten Gerichten. Auch sah ich zwischen den ganzen Sachen, einen Kerzenschein oder Bilder herausblitzen.
Der Tisch ist immer mit all den Lieblingssachen, sei es Getränke, Essen, Spielzeug oder ein Gegenstand von einem bestimmten Hobby, wird der Gedenkaltar geschmückt.
Für mich eine sehr eindrucksvolle und interessante Art. Es hat auch nicht lange gedauert, da wurden mir innerhalb drei Minuten ein Getränk und ein Likör angeboten. Und dann, 3 Minuten später, hatte ich ein typisches bolivianisches Gericht, teilweise auch das Lieblingsgericht des Verstorbenen, in der Hand. Tradition an diesem Tag ist nämlich, dass die jeweilige Familie jeden Besucher mit Trinken und auch Essen versorgen. Wenn man dann natürlich davor schon in zwei oder drei weiteren Häusern war, ist es verständlich, dass man nichts mehr Essen kann. Deswegen kamen mir nach dem Besuch auf dem Friedhof so viele Menschen mit Tüten, die voller Essen waren entgegen.
Es bleibt jedem selbst überlassen, wie lange man bei solch einer Feier bleibt. Wenn man noch etwas vorhat oder noch zu einer anderen will, ist es besser nicht allzu lange zu bleiben. Denn aufgrund der enormen Gastfreundschaft wird einem ein alkoholisches Getränk nach dem anderen angeboten.. Auch beim Verlassen, kommt man nicht ohne Trinken drum herum. Mir wurde zuerst ein grüner Likör, dann eine ausgehüllte Ananas mit einem weiteren Likör in die Hand gedrückt. Es scheint eine Art ‚Wilkommens- und Abschiedsritual‘ zu sein. Schnell habe ich gemerkt, dass an diesem Tag sehr sehr viel Alkohol getrunken wird. Alles natürlich in Gedenken an die Verstorbenen.. 😀